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gedanken zum schluss

das fragment steht per se am anfang von etwas explizit neuem.
"wir reden in fragmenten, dichten, rechnen, spielen, kaufen sie, und dennoch ist das fragment nicht mehr als ein einzelner, kleiner möglicher start- oder standpunkt, von dem aus das denken, tun, schaffen und erfinden seinen anfang nehmen kann."
das fragment darf nicht als rest verstanden werden. denn jeder rest orientiert sich an seiner einstigen komplettheit.
"[...]das fragmentarische als speicher aller möglichen anfänge.
die erinnerung, der traum, schöpferisches sein und tun nähren sich am fragmentarischen."

[janz, linz 1996]

können in einem musikkontext ästhetische kriterien eine verbindende, sinngebende funktion übernehmen, so stellt sich im sprachbereich schnell die frage nach einer inhaltlichen aussage.
ist die bereitschaft zu abstraktion beim rezipieren von musik grösser als bei sprache, vor allem geschriebener sprache?
ich denke, dass sich hier ein wesentlicher unterschied zwischen musik und sprache im hinblick auf die anwendbarkeit des samplings zeigt.
gesampelte texte stossen beim leser oft schnell an grenzen.

nach rolf grossmann lässt sich das sampling im sinne eines produktions- und kompositionsverfahrens mit den drei elementen fragmentierung, dekontextualisierung und transformation beschreiben und von anderen ähnlichen verfahren (zitat, montage, collage) abgrenzen. dabei nimmt die transformation die entscheidende rolle ein. mit der transformation soll eine erweiterung und anschliessend eine einbindung in einen neuen sinnzusammenhang erzielt werden.
wie kann dies im sprachbereich erfolgen?
wie kann man aus den, aus ihrem alten zusammenhang gelösten, dekontextualisierten fragmenten ein neues ganzes schaffen, das über die einzelteile hinausgeht (nicht additiv sondern kreativ)?

bei meiner auseinandersetzung mit der hypertext-diskussion bin ich auf ähnliche fragestellungen gestossen.

ist hypertext eine form von textsampling?
nimmt man fragmentierung, dekontextualisierung und transformation als definitionskriterien, so lässt sich diese frage meiner meinung nach bejahen.
fragmente, textbausteine, einzelne seiten, in der hypertext-diskussion auch nodes (knoten) genannt, werden durch die möglichkeit der verlinkung aus ihrem alten zusammenhang gelöst, dekontextualisiert und in einen neuen, erweiterten zusammenhang gestellt, rekontextualisiert, also zu etwas neuem transformiert.
auch hier stellt sich wieder die frage, wie diese verbindung zu einem neuen zusammenhängenden ganzen erreicht werden kann und zusätzlich, wem nun die rolle des verknüpfers zukommt?

wer generiert in einem nichtlinear strukturierten system information?
welche rolle hat dabei der autor (der das material zur verfügung stellende), welche der leser (rezipient, user)?

diese fragen sind im verlauf meiner recherche in den vordergrund getreten, sie interessieren mich. sie umreissen die grenzen und chancen des textsamplings in einem hypertextuellen kontext.

der leser als sampler
ist der leser eines hypertextes also am besten mit einem DJ zu vergleichen, der sich durch eifrige mausklicks seine texte sampelt?
(johannes auer, der leser als dj)

der leser als (ver-)dichter
liest man das ganze internet als literatur, das heisst als buchstabenwesen, so richtet sich die frage seiner poetizität, nach dichtung im netz, zuerst an den leser. ihm obliegt es den textfluss zu verdichten.
(florian cramer, literatur im internet)

in wirklichkeit ist jeder leser, ein leser nur seiner selbst.
(proust, auf der suche nach der verlorenen zeit, band I-XIII, 1957)
ich denke dieser satz beinhaltet sowohl die chance, als auch die gefahr eines systems, in dem der leser die sinngebende rolle übernimmt.
wie kann verhindert werden, dass der rezipient durch seine selektive wahrnehmung und interpretation nicht immer nur bereits vertrautes aufnimmt und sich neuen gedanken verweigert?
fremde aussagen, ideen bieten reibungsflächen, an deren grenzen energie entsteht.

wenzel verabschiedet seinen eigenen text zugunsten eines vielseitig einsetzbaren, vieldeutig lesbaren textes, der zwar seinem hirn entsprungen ist, jetzt aber, indem er gelesen wird, in einem neuen verständnis den lesern nicht nur gehört, sondern zu ihrem eigenen text geworden ist.
[karl p. durr/franz wenzel, literaturmontagen]

der autor als sampler
"...weil ich mir auch durchaus immer bewusst bin, dass der autor als (origineller) urheber, dass der gebieterische schöpfer erhabener literatur ausgedient hat und sich jetzt auf seine rolle als neuzeitlicher sampler und monteur besinnen muss."
[franz wenzel, brief an david steinweg]

will der autor eine zielgerichtete aussage machen, muss er dann den leser nicht daran hindern, seinen text zu verlassen, bevor er seinen gedankengang zuende geführt hat?
inwiefern ist für eine zielgerichtete aussage linearität notwendig und somit der nonlinear strukturierte hypertext den absichten des autoren entgegengesetzt?
oder ist es im hypertext so, dass der autor fragmente und evtl. ein perspektivisches rezeptionsangebot zur verfügung stellt?
stellt sich auf der einen seite die frage nach der sinngebenden verknüpfung der einzelnen elemente, taucht anderseits auch die frage nach dem stellenwert des fragmentes an sich auf.
das fragment gesehen als speicher aller möglichen anfänge, als ursprung und nahrung der träume, des schöpferischen seins und tuns, wie janz es beschreibt.

kann textsampling durch die möglichkeit, fragmente aus verschiedenen bereichen zu verknüpfen und dadurch auch absurde, unwahrscheinliche neukombinationen zu erzielen, auch eine inspirationsquelle sein für das entstehen neuer ideen?
bewirken absurde, unerwartete ergebnisse einen grösseren assoziationsspielraum und geben somit den impuls für das kreative generieren neuer informationen?
unter diesem aspekt werden auch die computergenerierten "wortspielereien" zu einem interessanten ausgangspunkt für neue verdichtungen.

sampling zwischen kreativem neuland und unverbindlicher spielwiese, relevanz oder beliebigkeit, verdichtung oder verzettelung?


[alw, dezember 2000]



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